Fans fehlt die Selbstreinigung

WATTWIL. Andreas und Brigitte Schröder reisen zu jedem Match von Borussia Mönchengladbach. Als wirkliche Fussball-Fans machen sie sich Gedanken über die Entwicklung des Volkssports Fussball. Sie stellen fest, dass sich vieles verändert hat und dass die richtige Fankultur langsam am Aussterben ist.
von Urs Huwyler
Dank der U17-Multikulti-Weltmeister schrieb der nationale Fussball zuletzt vor zwei Wochen positive Schlagzeilen. Inzwischen prägen wieder Chaoten, Krawalle und Fans von «Wetten, dass...» die Kicker-Szene. Andreas und Brigitte Schröder (Ulisbach) zählen seit Jahren zum harten Kern des deutschen Bundesligisten VfL Borussia Mönchengladbach. Die Reisenden in Sachen Fussball staunen, was in der Schweiz abgeht und was aus dem Volkssport Nummer eins geworden ist. «Es ist noch immer der faszinierendste Sport, der von allen Schichten betrieben werden kann. Aber es hat sich einiges verändert», müssen sich die Toggenburger eingestehen. Trotzdem sind die wöchentlichen Adrenalinschübe im Stadion geblieben.
Bei der Frage, was denn zwischen dem Wunder von Bern (1954) und dem Match St. Gallen gegen Luzern vom kommenden Samstag effektiv passiert sein könnte, suchen die Schröders, die sich 1995 nach dem Cupsieg der Borussia in Berlin (3:0 gegen Wolfsburg) kennen lernten, nicht bei den Schiedsrichtern oder dem Fehlverhalten der Polizei nach Antworten.
«Die Selbstreinigung unter den Fans spielt nicht mehr. Sonst hätte das Abfeuern von Feuerwerk längst aufgehört. Deshalb dürfte die Umsetzung der angekündigten Massnahmen schwierig werden», haben sie erkannt. Bei den Schwingern wäre für die Chaoten wegen der erwähnten Selbstreinigung schon vor dem Schlussgang Schluss.
Keine Besserung
Massnahmen wie ein Alkoholverbot dürften wenig nützen. «Die Hooligans wollen das Spiel nicht sehen, sondern sind nur auf Krawalle aus.
Andere werden sich schon vor dem Match zudröhnen. Solange sich keine neue Fankultur entwickelt, wird vieles Bruchstück bleiben.» Die Borussia beschäftigt drei Vollzeit-Fanbeauftragte, der FC St. Gallen einen Teilzeit-Betreuer. «Es braucht eine harte Linie den Chaoten gegenüber», fordern die Gründer des Schweizer Borussia-Fanclubs 1993 (34 Mitglieder). Sie scheuen sich nicht, nördlich des Rheins für ihre Sache einzustehen.
Gegen Freiburg provozierten Ultras das Publikum mit einer geklauten Fahne, was die gebürtige Gladbacherin Biggi Schröder dazu bewog, die Ausgerasteten lautstark zum sofortigen Einrasten aufzufordern. Die Fahne wurde wieder eingerollt. Aber immer weniger Fans wollen sich exponieren, weil sie sogar Angst vor gewalttätigen Reaktionen aus dem eigenen Lager haben. In Deutschland gibt es auf der obersten Stufe weniger Ausschreitungen als in der Schweiz.
«Obwohl nicht nur 10 000, sondern 50 000 Zuschauer zu den Spielen kommen», weiss der 45jährige Bütschwiler Hobby-Fussballer Andi Schröder, der seit dem 18. Lebensjahr zur Borussia fährt. Er begegnete vor einiger Zeit mit Biggi, die vor dem Umzug in die Schweiz bei der Stadt Mönchengladbach angestellt war, einer Horde gegnerischer Hooligans und befürchtete das Schlimmste. «Wir hatten panische Angst, wurden jedoch nicht einmal beachtet.
In Deutschland verprügeln sich die Hooligans inzwischen abseits der Stadien in einer Art Meisterschaft. Die Matchbesucher bekommen davon nichts mit.
» Die Schröders gehören zur Kategorie «Allesfahrer». Von Wattwil bis Mönchengladbach sind es 650 Kilometer. Übernachtet wird nicht im Hotel, sondern in einer gemieteten Kleinwohnung. Sie begleiten ihre Mannschaft auch nach Hamburg, Berlin, Köln oder München.
Das Paar mit dem Borussia-Auto, dem mit Postern, signierten Original-Trikots und andern Fanartikel dekorierten Zimmer (Teppich stammt aus der VfL-Geschäftsstelle) schwenkt die Schweizer Fahne in jedem Stadion. «Immer weniger Leute begleiten ihr Team zu Auswärtspartien. Sie kommen nur ins Stadion, wenn ein Topspiel ansteht. Angefeuert wird nur, wenn die eigene Mannschaft führt. Auch dadurch geht ein Teil der Fankultur verloren.
» Dabei seien, fügen die beiden «VfL-Süchtigen» an, die Distanzen in der Schweiz minimal.
Festtagsmenü
In Fussballnationen komme der Match einem Festtagsmenü gleich betonte Andi Schröder. Die Stimmung vor dem Stadion betrachtet er als Apéro. Die Vorspeise folgt im Stadion mit Schlachtrufen und Gesängen. Die Hauptspeise dauert 90 Minuten. «Wichtig ist das Dessert. Nach dem Match wird bei Siegen und Niederlagen diskutiert und analysiert. Damit werden die Emotionen runter gefahren.
In der Schweiz wird möglichst knapp angereist und das Stadion schon vor dem Schlusspfiff verlassen. Die über Jahrzehnte gewachsene Kultur fehlt.» Der Name «Fan» müsste eher durch «Konsument» ersetzt werden.

  St. Galler Tagblatt vom 26.11.2009 Bericht Urs Huwyler